Einfluss von COVID-19 auf die Erwartungen der Analysten

Einfluss von COVID-19 auf die Erwartungen der Analysten

Zu Beginn der Pandemie war noch oft die Rede von einer möglichen technischen Rezession, verbunden mit einer raschen wirtschaftlichen Erholung nach rund zwei Quartalen. Seither hat sich die Beurteilung der wirtschaftlichen Situation deutlich eingetrübt, und es werden Vergleiche mit der Ölkrise im Jahr 1975 oder gar mit der Grossen Depression in den 1930er Jahren angestellt.

 

Die einzelnen Industrien sind dabei unterschiedlich stark von den Auswirkungen von COVID-19 betroffen. Dabei zeigen sich die Unterschiede nicht nur in der aktuellen Intensität der Krise, sondern auch hinsichtlich der erwarteten Dauer und dem möglichen Verlauf der Erholungsphase. In diesem Zusammenhang kann zwischen den folgenden drei Hauptszenarien unterschieden werden:

Szenarien

Es stellt sich nun die Frage, welches Szenario für welche Industrien zu erwarten ist. Dazu haben wir die Prognosen der Analysten für über 90‘000 kotierte Unternehmen seit Jahresbeginn genauer untersucht. Die folgende Grafik zeigt den Industrie-Median der Prognoseanpassungen für den erwarteten Gewinn pro Aktie (Earnings per Share, „EPS“) für die Jahre 2020, 2021 und 2022 auf:

Median der Veränderung der EPS-Prognosen seit Beginn 2020

Bloomberg-DE-Neu

Quelle: Analyse: IFBC, Daten: Bloomberg (27.4.2020).

Unsere Analysen zeigen, wie unterschiedlich stark der Einfluss von COVID-19 für die verschiedenen Sektoren prognostiziert wird. Beispielsweise gehen Analysten für den Sektor „Fossiles“ im Durchschnitt von einem 46% tieferen EPS für das Jahr 2020 im Vergleich zur ihrer Schätzung zu Beginn des Jahres aus. Auf der anderen Seite wurden die EPS-Schätzungen für die Unternehmen der „Pharma & Biotech“ Branche erwartungsgemäss am wenigsten korrigiert.

 

Die erwarteten Krisenverläufe zeigen sich ebenfalls eindrücklich in den Anpassungen der EPS-Schätzungen. So zeigen die Daten beispielsweise für die Industrien „Travel & Entertainment“, „Transportation“ oder „Professional Services“, dass die Analysten momentan eine vergleichsweise rasche Erholung (V – Szenario) in diesen Sektoren prognostizieren. Ausgehend von einer durchschnittlichen Reduktion der Gewinnprognosen für 2020 von 42% reduziert sich die Prognoseabweichung der Analysten für den Sektor „Travel & Entertainment“ bereits für das Jahr 2021 etwas überraschend auf 23% im Vergleich zur Prognose vor COVID-19. Dies ist einerseits auf die geplanten oder bereits zugesprochenen staatlichen Unterstützungsmassnahmen bspw. in der Flugindustrie zurückzuführen. Anderseits ist die erwartete Erholung mit der Hoffnung verbunden, dass die Versammlungs- und Reiseeinschränkungen wieder gelockert oder gar aufgehoben werden können, sobald ein Impfstoff vorhanden ist.

 

In den Segmenten „Industrial Services“ oder „Financial Institution“ wird von einer längeren Erholungsphase ausgegangen (U – Szenario). Anhand dieser Beispiele zeigt sich jedoch auch, dass die mittelfristigen Einbussen für die verschiedenen Industrien unterschiedlich eingeschätzt werden. Im Bereich „Industrial Services“ reduzierten sich die Prognosen für den Gewinn pro Aktie für das Jahr 2022 um über 10% und für den Sektor „Financial Institution“ wird von einem rund 7% tieferen Gewinnniveau für das Jahr 2022 im Vergleich zur Prognose vor Ausbruch von COVID-19 ausgegangen.

 

Für die Sektoren „Automotive“ oder „Aerospace & Defense“ prognostizieren die Analysten nachfragebedingt kein signifikantes Erholungspotential bis Ende 2022 (L – Szenario). Für den Sektor „Fossiles“ wird eine leichte Erholung für die kommenden Jahre prognostiziert. Mit einer Reduktion des EPS-Forecast für das Jahr 2022 von 37% wurden aber auch die Mittelfristprognosen immer noch sehr stark nach unten korrigiert.

 

Die oben dargestellten Veränderungen der EPS-Prognosen seit dem Ausbruch von COVID-19 sind nach wie vor mit grossen Unsicherheiten verbunden, da der effektive Verlauf der Pandemie noch sehr schwierig abzuschätzen ist. Zudem zeigt sich, dass die Anpassungen der Analystenprognosen für die Unternehmen innerhalb eines Sektors aufgrund des spezifischen Geschäftsmodells doch stark variieren können.

 

Für die kommenden Wochen und Monate gilt es, sich sowohl erfolgreich in der Krise zu behaupten als auch einen erfolgreichen Weg aus der Krise vorzubereiten. Im Rahmen der finanziellen Führung eines Unternehmens sind insbesondere folgende Punkte zu beachten:

 

  • Erhöhung der Widerstandfähigkeit des Geschäftsmodells
  • Umsetzen von Rolling Forecast zur Erhöhung der Visibilität
  • Planung in Szenarien, um auf Eventualitäten vorbereitet zu sein
  • Etablierung eines nachhaltigen Finanzierungskonzepts
  • Investitionen in vielversprechende Entwicklungsprojekte
  • Nutzen von Chancen, die sich aus der Krise ergeben können, beispielsweise durch geeignete Akquisitionen.

IFBC Team

info@ifbc.ch