IFRS 16 – Erhöhte Anforderungen an die finanzielle Führung

IFRS 16 – Erhöhte Anforderungen an die finanzielle Führung

Für Geschäftsjahre, welche am oder nach dem 1. Januar 2019 beginnen, ist der neue Standard zur Abbildung von Leasingverhältnissen „IFRS 16“ verbindlich anzuwenden. Ein Blick in die kürzlich publizierten Halbjahresabschlüsse der Unternehmen, welche nach IFRS abschliessen, zeigt teils signifikante Auswirkungen auf die ausgewiesenen Finanzzahlen. Sowohl für Unternehmen als auch für Investoren und Finanzanalysten ergeben sich aus dem neuen Leasing-Standard diverse Herausforderungen.

IFRS 16 kurz erklärt

 

Neu sind nach IFRS 16 sämtliche Leasingverhältnisse mit wenigen Ausnahmen von den Leasingnehmern in der Bilanz zu erfassen. So müssen nun auch operative Leasingverträge als Nutzungsrechte an geleasten Assets (insbesondere Raummieten) aktiviert und die entsprechenden Leasingverbindlichkeiten passiviert werden. Die Anpassung der Rechnungslegung führt generell zu einer Bilanzverlängerung, welche je nach Umfang der bisherigen operativen Mietaufwendungen und je nach Länge der Mietverträge signifikant sein kann. In der Erfolgsrechnung werden diese Mietaufwendungen neu unterhalb des EBITDA erfasst und in eine Abschreibungskomponente (Abschreibung der Nutzungsrechte) und eine Zinskomponente (Teil des Finanzergebnisses) aufgeteilt.

Abbildung-Blog

In den folgenden Abbildungen sind die Auswirkungen von IFRS 16 auf die Halbjahresabschlüsse 2019 aller SPI-Unternehmen, die nach IFRS abschliessen und Detailinformationen zu IFRS 16 publizierten, dargestellt.

Zusammensetzung-Fremdkapital
Veränderung-Fremdkapitalanteil-zu-Buchwerten

Bei rund 30% der analysierten SPI-Unternehmen ist der Anteil der Leasingverbindlichkeiten an den gesamten Finanzschulden grösser als ein Drittel. Die zweite Grafik zeigt den Einfluss von IFRS 16 auf den Financial Leverage. Der Fremdkapitalanteil zu Buchwerten (Verzinsliches Fremdkapital / (Verzinsliches Fremdkapital + Eigenkapital) steigt bei knapp 30% der untersuchten Unternehmen um mehr als 5 Prozentpunkte. Bei fünf Unternehmen erhöht sich der Fremdkapitalanteil aufgrund von IFRS 16 sogar um mehr als 10 Prozentpunkte (Kühne & Nagel, Valora, Dufry, Autoneum und Medartis).

 

Im Rahmen dieses Blogs möchten wir nun auf vier zentrale Herausforderungen in Verbindung mit IFRS 16 eingehen:

 

1. Operative Performance-Messung

Unternehmen müssen ihre internen Führungskennzahlen hinsichtlich der Einflüsse von IFRS 16 vertieft analysieren. Entscheidend ist, dass allfällige Fehlbeurteilungen oder auch Fehlanreize vermieden werden können. Gerade bei Renditekennzahlen (z. B. Return on Invested Capital, ROIC) oder darauf basierenden Messgrössen (z. B. Economic Profit, Economic Value Added) kann die Anwendung von IFRS 16 signifikante Auswirkungen haben. Des Weiteren müssen Zielsetzungen auf die neuen Gegebenheiten inkl. IFRS 16 angepasst werden. Die Prognose der zukünftigen Nutzungsrechte für geleaste Assets beurteilen wir in diesem Zusammenhang als besonders anspruchsvoll.

 

2. Finanzierungskennzahlen und Verschuldungskapazität

Die Anwendung von IFRS 16 wird auch Auswirkungen auf Finanzierungskennzahlen eines Unternehmens haben. Entsprechende Zielgrössen, Richtwerte und Covenants sind auf die neuen Gegebenheiten anzupassen. So wird sich beispielsweise die Kennzahl Net Debt/EBITDA in den meisten Fällen erhöhen, obwohl sich an der finanzwirtschaftlichen Lage des betreffenden Unternehmens nichts verändert hat. Weiter ist darauf zu achten, dass bei der Bestimmung der Verschuldungskapazität eines Unternehmens die Auswirkungen von IFRS 16 korrekt abgebildet werden. Die zusätzlichen Finanzverbindlichkeiten sowie der erhöhte EBITDA aufgrund von IFRS 16 dürfen nicht per se zu einer Veränderung der Verschuldungskapazität führen.

 

3. Unternehmensbewertungen und Goodwill Impairment Testing

Im Grundsatz sind sich alle Finanzexperten einig: Der Eigenkapitalwert eines Unternehmens darf sich mit der Anwendung von IFRS 16 nicht verändern. Damit dies sichergestellt werden kann, sind die relevanten Bewertungsparameter im Rahmen einer Unternehmensbewertung (u. a. Free Cashflow, Terminal Value, Kapitalkostensatz, Multiples) entsprechend anzupassen. Der resultierende Enterprise Value muss um die zusätzlichen Leasingverbindlichkeiten höher ausfallen, damit nach Abzug der höheren Finanzverbindlichkeiten wieder der gleiche Eigenkapitalwert resultiert. Ein besonderes Augenmerk ist in diesem Zusammenhang auf die bewertungstechnisch korrekte und konsistente Umsetzung der jährlich durchzuführenden Goodwill Impairment Tests zu legen.

 

4. Benchmarking mit Vergleichsunternehmen

Die unterschiedlichen Auswirkungen von IFRS 16 auf die Finanzkennzahlen von Unternehmen stellen zusätzliche Ansprüche an einen aussagekräftigen Vergleich zwischen Peer-Unternehmen. Erschwerend kommt hinzu, dass Unternehmen, welche nach Swiss GAAP FER abschliessen, operative Leasingverträge weiterhin nicht aktivieren werden. Auch bei Unternehmen mit dem Rechnungslegungsstandard US GAAP wird es im Vergleich zu „IFRS-Firmen“ Differenzen in den ausgewiesen Kennzahlen geben. So werden beispielsweise Mietaufwendungen bei „US-GAAP-Unternehmen“ weiterhin im EBITDA enthalten sein, womit ein Vergleich auf Stufe EBITDA (z. B. EBITDA-Marge, Enterprise Value/EBITDA, Net Debt/EBITDA) zu „IFRS-Firmen“ nicht mehr möglich ist, ohne entsprechende Adjustierungen vorzunehmen.

 

 

Erhöhte Anforderungen im Umgang mit IFRS 16

Eines der zentralen Ziele von IFRS 16 lag darin, die Transparenz für den Bilanzleser zu erhöhen, indem auch operative Leasingverträge in der Bilanz erfasst werden müssen. Inwieweit dieses Ziel erreicht wurde, wird aktuell kontrovers diskutiert. Unabhängig von den Meinungen zu IFRS 16 haben sich die Anforderungen an eine korrekte und konsistente Anwendung der neuen Finanzkennzahlen im Rahmen der finanziellen Führung sowie bei Unternehmensbewertungen (u. a. Goodwill Impairment Testing) deutlich erhöht.

 

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Christian Hirzel

Partner

christian.hirzel@ifbc.ch