Interview mit Felix Burkhard

Interview mit Felix Burkhard

Galenica ist der führende vollständig integrierte Gesundheitsdienstleister in der Schweiz. Mit über 500 Apotheken betreibt das an der Schweizer Börse kotierte Unternehmen das schweizweit grösste Apothekennetzwerk. Galenica ist zudem der führende Anbieter von Pre-Wholesale- und Wholesale-Dienstleistungen sowie Datenbankservices für den Schweizer Gesundheitsmarkt. Felix Burkhard, seit über 20 Jahren bei Galenica und seit 2017 Group CFO, zeigt im nachfolgenden Interview auf, mit welchen Herausforderungen Galenica bei der Einführung des neuen Rechnungslegungsstandards IFRS 16 (Abbildung von Leasingverhältnissen) konfrontiert war und wie bei Galenica im Rahmen der finanziellen Führung mit IFRS 16 umgegangen wird.

 

Welches waren für Galenica die zentralen Herausforderungen bei der Einführung und Umsetzung von IFRS 16?

Die Einführung von IFRS 16 betraf fast ausschliesslich den Bereich Retail. Aufgrund des umfassenden Netzwerks an eigenen Filialen mussten im Rahmen der erstmaligen Anwendung von IFRS 16 über 1‘000 Mietverträge beurteilt und bewertet werden. Neben der Bewältigung des Volumens erwies sich die Beurteilung der unterschiedlichen Vertragsausgestaltungen, Mietzinsmodelle und Vertragsoptionen als besonders aufwändig und zeitintensiv. Zudem stellten wir während des Implementierungsprozesses fest, dass sich im Rahmen der praktischen Umsetzung von IFRS 16 seitens Revisionsstelle noch keine Best Practice etabliert hatte, welche das Vorgehen und die Interpretation spezifischer Fragestellungen eindeutig regelte. Folglich waren wir bei der Auslegung des neuen Standards vielfach auf unsere eigene themenspezifische Expertise angewiesen, die wir uns im Verlauf des Projekts angeeignet hatten. Das Gleiche zeigte sich bei der Einführung der neuen Softwarelösung zur Bewirtschaftung der Leasingverträge. Auch in diesem Fall mussten von unserer Seite her zeitintensive Entwicklungsarbeiten geleistet werden, damit die Software den komplexen Ansprüchen gerecht wurde.

 

Im Halbjahresbericht 2019 wiesen Sie in Ergänzung zu den IFRS-Werten ebenso adjustierte Kennzahlen aus, wobei die Einflüsse von IFRS 16 und IAS 19 eliminiert wurden. Was sind die Beweggründe für Galenica, solche adjustierten Kenngrössen auszuweisen, und welche Bedeutung haben diese für die finanzielle Steuerung?

Die Auswirkungen von IFRS 16 sind aufgrund unseres Retailgeschäfts signifikant. So erhöhte sich beispielsweise im ersten Halbjahr 2019 der EBITDA um 25% und unsere Bilanzsumme um 11%. Sowohl nicht operativ bedingte Ergebnisschwankungen aufgrund von IAS 19 als auch sämtliche Einflüsse von IFRS 16 werden für die interne finanzielle Steuerung bei Galenica eliminiert. In Bezug auf IFRS 16 möchten wir insbesondere mögliche Fehlanreize vermeiden. Im Rahmen unseres wertorientierten Führungsansatzes stellt der Galenica Economic Profit (GEP) die zentrale finanzielle Führungsgrösse dar, welche auch im kurz- und langfristig ausgerichteten Vergütungsmodell massgebend ist. Mit der Anwendung von IFRS 16 kann das investierte Kapital mit kurzen Mietdauern reduziert und der GEP positiv beeinflusst werden, auch wenn aus unternehmerischer und betriebswirtschaftlicher Sicht eine kurze Mietdauer allenfalls gar nicht sinnvoll ist. Solche Fehlanreize vermeiden wir mit der Elimination aller IFRS 16 Effekte. Zudem wird die Verständlichkeit und Vergleichbarkeit der Ergebnisse ohne IFRS 16 deutlich erhöht. Da unsere interne finanzielle Steuerung konsequent auf adjustierten Ergebnissen basiert, wollen wir diese auch in der externen Kommunikation transparent ausweisen. Auch unsere extern kommunizierten Richtgrössen (z. B. Net Debt / EBITDA) basieren auf adjustierten Werten.

 

Wie wurde der Ausweis der adjustierten Kennzahlen von den Investoren und Analysten aufgenommen, und welche Erfahrungen haben Sie mit den externen Stakeholdern bezüglich der Einführung von IFRS 16 gemacht?

Seitens Investoren und Analysten wurde die von uns zusätzlich geschaffene Transparenz sehr geschätzt. Inwiefern diese Transparenz auch in Zukunft nachgefragt wird, hängt sicherlich davon ab, wie sich der Umgang mit IFRS 16 bedingten Effekten in der Praxis entwickeln wird. Meine Erfahrung im Austausch mit Investoren und Analysten zeigt bis anhin deutlich, dass die Einführung von IFRS 16 fast ausschliesslich negativ beurteilt wird. Die Interpretation und Vergleichbarkeit von Ergebnissen haben sich für externe Stakeholder deutlich erschwert, da sich die Auswirkungen von IFRS 16 je nach Ausgestaltung der Mietverhältnisse deutlich unterscheiden können.

 

Wie berücksichtigen Sie IFRS 16 bei Unternehmensbewertungen beispielsweise im Rahmen der Beurteilung potenzieller Zielunternehmen oder im Rahmen der jährlich durchzuführenden Goodwill-Impairment-Tests?

Potenzielle Zielunternehmen bewerten wir konsequent ohne die Berücksichtigung von IFRS 16. Wir sehen keinen Mehrwert, IFRS 16 bei Unternehmensbewertungen anzuwenden. Im Zusammenhang mit dem Goodwill-Impairment-Testing konnten wir in Zusammenarbeit mit IFBC unserer Revisionsstelle aufzeigen, dass IFRS 16 bei korrekter Anwendung keinen Einfluss auf den resultierenden Werthaltigkeitstest hat. Entsprechend unseren internen Steuerungsgrössen führten wir in diesem Jahr unsere Goodwill-Impairment-Tests ebenfalls basierend auf adjustierten Finanzwerten durch. Nur im Falle eines sehr engen finanziellen Spielraums hätte unsere Revisionsstelle auch einen Goodwill-Impairment Test unter Berücksichtigung von IFRS 16 zwingend verlangt.

 

Wie beurteilen Sie den Nutzen von IFRS 16 für Galenica?

Ich sehe keinen Mehrwert für Galenica. Aufgrund einer softwarebasierten Lösung hatten wir bereits vor der Einführung von IFRS 16 einen umfassenden Überblick zu unseren Mietverpflichtungen. Dies gehört zum Kerngeschäft eines Retailers. Letztendlich haben wir mit IFRS 16 einen signifikanten jährlichen Mehraufwand. Auch die Integration neuer Gesellschaften erweist sich als komplexer. Für mich wäre eine etwas detailliertere Darstellung der Mietverpflichtungen im Anhang auch im Sinne der Investoren und Analysten ausreichend gewesen.

 

Wird bei Galenica generell der Nutzen von IFRS in Frage gestellt, und was sind Ihre Erwartungen an künftige Entwicklungen?

IFRS ist in der Galenica Gruppe seit Jahren verankert. Die Prozesse und Systeme sind effizient eingespielt. Auch unser internationales Aktionariat schätzt den Ausweis nach IFRS. Entsprechend steht ein Wechsel beispielsweise zu Swiss GAAP FER nicht unmittelbar zur Debatte. Falls sich aber die Komplexität von IFRS weiter wie im Beispiel von IFRS 16 ungerechtfertigt erhöht, wird die Frage nach einem allfälligen Wechsel des Rechnungslegungsstandards sicherlich wieder aufgenommen. Persönlich erwarte ich in den nächsten Jahren aber keine wesentlichen Veränderungen. Bezüglich der Weiterentwicklung der Rechnungslegung würde ich mir wünschen, dass das Augenmerk der Standardsetzer vermehrt auf Verständlichkeit, Transparenz und Vereinfachung gelegt wird.

Felix Burkhard ist seit 1996 für Galenica tätig. Er besitzt einen Masterabschluss in Wirtschaftswissenschaften (lic.oec. HSG) und ist dipl. Wirtschaftsprüfer. Seit 2010 ist Felix Burkhard Mitglied der Corporate Executive Committee der Galenica Gruppe, zuerst als Head of Retail Business Sector (2010–2015), anschliessend als Head of Strategic Projects (2015–2017) und seit 2017 als Group CFO.

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IFBC Team

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