Interview mit Martin Schwab, VSE Präsident, CEO der CKW und Konzernleitungsmitglied der Axpo

Transformation der Energielandschaft Schweiz

Autor
IFBC Team
Datum
3/2/2026

Der VSE hat zum Jahresbeginn 2026 den VSE Stromversorgungs-Index lanciert. Das Ziel ist die Einschätzung der längerfristigen Strom-Versorgungssicherheit bis ins Jahr 2050. Der Index zeigt auf, wo aktuell die grössten Lücken zwischen Anspruch und Realität im Schweizer Stromsystem bestehen. Der VSE zeigt die «Gaps» in der Versorgungssicherheit nicht nur auf, sondern präsentiert auch Lösungen, wie diese überbrückt werden können. Dafür braucht es das ideologie-freie Denken in Szenarien. Mit dem Stromgesetz, das per 1. Januar 2025 in Kraft getreten ist, hat das Schweizer Stimmvolk konkrete Ziele für die Transformation des Schweizer Energiesystems gesetzt. Diese Ziele sollen die Versorgungssicherheit der Schweiz gewährleisten.

IFBC unterhielt sich mit Martin Schwab, dem VSE Präsidenten, CEO der CKW und Konzernleitungsmitglied der Axpo, um einen vertieften Einblick in die zentralen Herausforderungen und Chancen der Schweizer Energiewirtschaft zu gewinnen.

Herr Schwab, was ist für Sie persönlich die grösste Herausforderung für ein stabiles, nachhaltiges und wirtschaftliches Energiesystem?

Vereinfacht gesagt braucht es für die Schweizer Stromversorgung genügend inländische Produktion, ein leistungsfähiges Netz und eine ausreichende Einbindung ins europäische Stromsystem. Das Trilemma der Stromversorgung bilden die drei Dimensionen Versorgungssicherheit, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit. Trilemma daher, da nicht alle drei Dimensionen gleichzeitig vollständig optimiert werden können.

Die Sicherstellung der langfristigen Versorgungssicherheit stockt in mehreren Dimensionen: Der Ausbau der erneuerbaren Energien geht zu wenig schnell voran. Die 16 Wasserkraftprojekte, die am runden Tisch beschlossen wurden, werden teilweise in Frage gestellt. Die Windenergie stösst an vielen Standorten auf heftigen Widerstand. Die alpinen Solar-Projekte sind trotz Zuschüssen oft nicht wirtschaftlich. Einzig der Solar-Ausbau auf Infrastruktur geht voran, führt aber zu immer grösseren Überschüssen im Sommer und wenig Versorgungssicherheit im Winter. Die starke Subventionierung von Sommerstromproduktion durch Solaranlagen führt auch zu volkswirtschaftlichen Fehlanreizen und Überproduktion. Der notwendige Netzausbau stockt ebenfalls durch aufwendige Bewilligungsprozesse und lokale Ablehnung. Und letztlich braucht es für die optimale Einbindung in das europäische Stromsystem eine Vereinbarung mit der Europäischen Union (EU).

Eine grosse Herausforderung ist es, diese komplexen Zusammenhänge einfach zu vermitteln und damit den Weg für die Transformation des Schweizer Energiesystems zu ebnen. Wenn wir über alle Anspruchsgruppen hinweg keinen Konsens schaffen und keinen gemeinsamen Plan entwickeln, werden wir uns mit hoher Wahrscheinlichkeit in einigen Jahren wieder in der Situation sehen, dass wir Kraftwerkskapazitäten sehr kurzfristig benötigen. Im Jahr 2022 haben wir in Birr ein Gaskraftwerk mit Notrecht gebaut; eine weitere solche Situation gilt es unbedingt zu vermeiden.

«Die Schweiz steht vor grossen Herausforderungen, um die künftige Versorgungssicherheit zu gewährleisten und gleichzeitig weltmarktfähige Energiepreise sicherzustellen.»

Für das Jahr 2050 liegt der VSE Stromversorgungs-Index bei tiefen 69 Punkten. Wo sehen Sie den Handlungsbedarf, um das Ziel von 100 Punkten zu erreichen?

Der VSE Stromversorgungs-Index vermittelt den vorhandenen «Gap» auf sehr verständliche Weise. Es ist der Versuch, die Komplexität des Schweizer Stromsystems zu vereinfachen. Der gesamtschweizerische Stromverbrauch beträgt ca. 60 Terrawattstunden und mit dem Ausstieg aus der Kernenergie sowie der – hoffentlich – stattfindenden Dekarbonisierung von Wärme und Individual-Verkehr werden ca. 50 Terrawattstunden fehlen.

Da die Versorgung insbesondere im Winter kritisch ist, braucht es mehr Winterproduktion aus erneuerbaren Energien und den Ausbau des Netzes sowie eine Vereinbarung mit der EU zur bestmöglichen Integration der Schweiz in das europäische Stromnetz. Der VSE Stromversorgungs-Index Schweiz 2026 zeigt auch die Dringlichkeit: Er ist bei 82 Punkten im Jahr 2035 und 69 Punkten im Jahr 2050. Die drohende Versorgungslücke in 2050 könnte durch weniger Stromverbrauch zu Spitzenzeiten, mehr erneuerbare Energien, den Langzeitbetrieb der bestehenden Kernkraftwerke, Flexibilität wie Speicher, zusätzliche Stromproduktion z.B. aus Gaskraftwerken und den Ausbau der Netze geschlossen werden.

Ohne Abkommen mit der EU sind die Stromimporte und -exporte zudem über die Grenzen beeinträchtigt. In Zukunft können wir die Effekte von Massnahmen quantifizieren – auch wenn dies viele Annahmen beinhaltet: Wir schätzen, dass das Stromabkommen den Stromindex um 14 Punkte verbessert, da die Integration in Europa deutlich verbessert wird. Andererseits verlieren wir einige Punkte, wenn die beiden Windinitiativen (Mindestabstände für Windanlagen und zwingende Gemeindeabstimmung) angenommen werden, welche den Bau eines grossen Teils der Windkraftprojekte wohl verhindern würden.

Auf eine Anzahl Punkte reduziert, können die Auswirkungen einzelner gesellschaftspolitischer Entscheide sachlich diskutiert werden. Das Ziel des neuen Index ist es auch, die Massnahmen zur Versorgungssicherheit zueinander ins Verhältnis zu setzen. Beispielsweise würden wir eine dreistellige Anzahl Windkraftwerke benötigen, um die Ablehnung des Stromabkommens mit der EU zu kompensieren. Damit informieren wir transparent und faktenbasiert. Und die Schweiz kann ihrerseits die Entscheide treffen, wie sie den Weg zu den 100 Punkten gestalten will. Der Index zeigt klar: Die Schweiz steht vor grossen Herausforderungen, um die künftige Versorgungssicherheit in der zur Verfügung stehenden Zeit zu gewährleisten und gleichzeitig weltmarktfähige Energiepreise sicherzustellen.

«Es gibt heute keinen wirtschaftlich effizienten Speicher, um eine saisonale Verschiebung von Strom vorzunehmen ausser Hydro-Speicherkraftwerke.»

Wie könnte aus Ihrer Sicht die dringend notwendige Transformation der Schweizer Energielandschaft beschleunigt werden?

Diese Transformation ist ein Wettlauf mit der Zeit. Die Versorgungssicherheit der Schweiz bleibt kritisch, wenn wir nicht dezidiert handeln. Das Parlament war nicht untätig – Einsprachen zu den 16 Wasserkraftwerken können nicht mehr bis vor das Bundesgericht gezogen werden. Der Bau von 16 Wasserkraftwerken würde helfen näher an die Ziele zu kommen. Der Plan war, ca. 2 Terrawattstunden produzieren zu können; aber aufgrund von Hindernissen, Widerständen und fehlender Wirtschaftlichkeit wird es wohl eher 1 Terrawattstunde sein.

1 Terrawattstunde ist nicht nichts, aber sie löst das Problem nicht. Beispielsweise werden über die nächsten Jahrzehnte wegen strengerer Restwasservorschriften wohl mehr als 1 Terrawattstunde wieder verloren gehen. Wenn wir aus der Kernenergie aussteigen, dann fehlen der Schweiz jährlich nahezu 50 Terrawattstunden Stromproduktion bis ins Jahr 2050, falls der Stromverbrauch wegen der Dekarbonisierung von Wärme und Verkehr auf ca. 90 Terrawattstunden steigt. Zudem befinden wir uns auch weltpolitisch in einem internationalen Kopf an Kopf rennen: Rechenzentren, künstliche Intelligenz und neue Technologien werden zum strategischen Standortvorteil und die Schweiz muss sich entscheiden, ob sie hier mitmachen will; aber für dies brauchen wir auch weltmarktfähige Strompreise.

Ich bin ein grosser Fan des politischen Systems in der Schweiz, namentlich der direkten Demokratie und der Subsidiarität, d.h. dass letztlich die Gemeinde bestimmt, was auf ihrem Gebiet gebaut wird. Leider lässt sich unser politisches System kaum mit der Beschleunigung des Infrastrukturbaus vereinbaren. Es braucht auch einen gesellschaftspolitischen Konsens, dass wir die erforderliche Infrastruktur bauen müssen, um die Ziele der Klima- und Energiepolitik zu erreichen.

Die Aufgabe des VSE ist es, aufzuzeigen, was funktioniert und was nicht. Zugespitzt formuliert, stellt sich für die Winterstromproduktion die Frage: Wo bauen wir die benötigten Wasserkraftwerke und Windräder, wie lange nutzen wir die Kernenergie und wie viele Gaskraftwerke betreiben wir. Realistischerweise werden wir einige Wasser- und Windkraftanlagen bauen und wegen des Zeitdrucks den Rest mit Gaskraftwerken decken, um unsere Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Nichts tun ist keine Option.

Welche Einschätzung haben Sie zur aktuellen Investitionsbereitschaft bei den erneuerbaren Energien, und sehen Sie Bedarf für eine Stärkung?

Grundsätzlich ist die Investitionsbereitschaft vorhanden und an Kapital fehlt es nicht. Es bestehen jedoch erhebliche Unsicherheiten durch langwierige Prozesse, Umweltprüfungen und Mitwirkungsverfahren. Man muss schon einen langen Atem und eine grosse Risikofähigkeit haben, um überhaupt substanziell in die erneuerbaren Energien zu investieren. Nehmen wir als Beispiel das Projekt „Windpark Lindenberg“ im Kanton Aargau. Die Anlagen hätten im Winterhalbjahr einen bedeutenden Beitrag zur Stromversorgung leisten können und wurden für ihre Naturverträglichkeit gelobt. Das Projekt ist nach über zehn Jahren Planungsarbeit und mehreren Millionen Projektkosten an einer Gemeindeversammlung abgelehnt worden. Dies zeigt: Private Investoren werden in der Schweiz kaum massgeblich in erneuerbare Energien investieren, wenn ein politisch motivierter Projektabbruch droht.

Ab 2045 braucht es rund 50 Prozent zusätzliche Stromproduktion im Winter. Woher soll diese kommen?

Ein unternehmerischer Ansatz wäre, wenn die Schweiz eine Auktion für eine flexible Winterstromproduktion durchführen würde. Die Ausschreibung könnte lauten: «Liebe Stromwirtschaft, Wir brauchen von einem Anbieter eine Zusage von Dezember bis März für 1'000 Megawattstunden und die Swissgrid will in der Lage sein, diese flexibel abzurufen. Zu welchem Preis, könnt ihr die 1’000 Megawattstunden vorhalten?» Jeder Produzent kann mitbieten und der Günstigste erhält den Zuschlag für 20-30 Jahre. In solch einem Szenario mit 1'000 Megawattstunden (flexibel) ohne Produktionsgarantie, würde dies den Bau von Gaskraftwerken bedeuten. Diese sind relativ günstig zu errichten und können sehr flexibel hoch- und runtergefahren werden – auch mehrmals am Tag. Wir geben somit Geld aus, dass wir Winterstrom flexibel abrufen können und haben damit genügend Winterproduktion vorgehalten. Die Gasausschreibungen, die der Bund aktuell macht, folgen teilweise dieser Logik. Es entstehen Notkraftwerke, die nur bei Bedarf zum Einsatz kommen. So schaffen wir eine Winterreserve vor Ort.

Könnte der Strombezug aus den Nachbarländern einen substanziellen Beitrag zur Stromversorgung der Schweiz leisten?

Gemäss aktueller Gesetzgebung können wir bis max. 5 Terrawattstunden Strom importieren. Dies scheint mir eine ungefähr richtige Grösse zu sein. Bei europäischen Strommangellagen wäre es schwierig mehr zu beziehen – eine Importstrategie bedingt auch immer jemanden der exportieren kann und will. Wir müssen davon ausgehen, dass jedes Land die eigene Versorgung priorisiert und wenn es in Europa sehr kalt wird, dann entfällt womöglich die Importfähigkeit oder reduziert sich. Die 5 Terrawattstunden könnte die Schweiz – mit Anstrengungen und wirtschaftlichen Konsequenzen – wohl einsparen.

Welche Bedeutung hat das Stromabkommen mit der EU für die Schweizer Unternehmenslandschaft?

Eine Einbindung der Schweiz in den europäischen Strommarkt – beispielsweise durch ein Stromabkommen erhöht die Versorgungssicherheit in der Schweiz. Die bessere Integration der Schweiz in den europäischen Markt bedeutet auch günstigere Preise für den Schweizer Konsumenten. Auch die Netzstabilität steigt, da Swissgrid durch eine optimale Einbindung in den europäischen Markt besser und schneller auf Netzschwankungen reagieren kann.

Welchen Beitrag können Politik, Unternehmen und Bevölkerung zur Transformation der Energielandschaft Schweiz beitragen?

Der «Netzexpress» wird es erlauben, Netzprojekte schneller zu planen, zu bewilligen und umzusetzen. Die Wirtschaft und die Bevölkerung benötigen mehr Strom durch die Dekarbonisierung von Wärme und Verkehr aber auch durch die potenziell steigende Anzahl Rechenzentren (z.B. für KI). Hinzu kommen Einflüsse wie der Klimawandel und geopolitische Verwerfungen, mit denen wir umgehen müssen. Wenn es uns nicht gelingt, einen gemeinsamen energiewirtschaftlichen Plan zu entwerfen und umzusetzen, wird es schwierig sein, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Deshalb benötigen wir mehr gesellschaftspolitischen sachlichen Dialog und Konsens ohne Dogmatik, um in der Wirtschaft und Bevölkerung die Akzeptanz für die Strominfrastruktur zu stärken.

Martin Schwab ist seit Juni 2024 Präsident des VSE, seit April 2018 Chief Executive Officer (CEO) der CKW AG und seit Februar 2011 Mitglied des Executive Board der Axpo Holding AG. Er verfügt über einen Abschluss in der Betriebswirtschaft HF, ist Experte in Rechnungslegung und Controlling und verfügt über einen MBA der University of Rochester, N.Y.

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